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Jane Goodall: Ein Leben für den Schutz von Schimpansen

Besuch bei den Menschenaffen im Budongo Forest

Im Regenwald ist es niemals still. Der große Grauwangenhornvogel krächzt durch das dichte Blätterwerk und sammelt Früchte, Bienen schwirren um ihr Nest in einem ausgehöhlten Eisenbaum-Ast. Ein Pinselohrschwein bahnt sich grunzend einen Weg durch undurchsichtiges Grün. Dann übertönen plötzlich ein paar laute, durchdringende Schreie alle anderen Geräusche, und es  kommt Bewegung in die Blätterwand. Eine Familie Schimpansen ist aufgewacht und verlässt ihre Blätternester, um nach etwas Essbarem zu suchen.

Über Jahrhunderte wurde das Verhalten von Schimpansen nicht erforscht. Dabei sind es unsere nächsten Verwandten, und die genetische Übereinstimmung mit dem Menschen beträgt nahezu 98 Prozent. Und so lebten die Menschenaffen unbeachtet in den Regenwäldern des mittleren Afrikas. Doch das änderte sich 1960, als eine junge Engländerin den Auftrag erhielt, das Verhalten von wilden Schimpansen zu beobachten. Ihr Name ist Jane Goodall, und nach Ansicht vieler Wissenschaftler war die Sekretärin für Erforschung von Schimpansen ungeeignet. Doch der Anthropologe und Paläontologe Dr. Louis Leakey aus Kenia, Leiter des Naturwissenschaftlichen Museums in Nairobi, war anderer Meinung. Gerade weil die 23-Jährige keine wissenschaftliche Ausbildung hatte, wollte er sie mit der Erforschung von Schimpansen betrauen. Denn er erhoffte sich eine neutrale Beobachtung ohne Einfluss von Erfahrungen. Jane hatte nach Ansicht von Dr. Leakey alle Eigenschaften, die sie für die Forschungsarbeit brauchte: Ein hohes Maß an Neugier, viel Geduld, die Fähigkeit, sorgfältig zu beobachten, und den Wunsch, eine Zeitlang im Busch zu verbringen.
Geboren wurde Jane Goodall am 3. April 1934, und zu ihrem ersten Geburtstag schenkte ihr der Vater einen Stoffschimpansen namens Jubilee. Jane schleppte den großen Affen überall mit sich herum. Und heute – inzwischen fast kahlköpfig – sitzt er im Schlafzimmer ihres Hauses in England. Ob es Schicksal war oder Vorzeichen, dass ihr Vater sich gerade für einen Schimpansen als Kuscheltier entschied? Sicher ist jedenfalls, dass Schimpansen im Leben der blonden jungen Engländerin immer eine große Rolle spielen sollten.
Im Jahr 1960 hatte Dr. Leakey die Forschungsgelder und Genehmigungen für das Projekt aufgetrieben, und Jane machte sich in Begleitung ihrer Mutter Vanne auf den Weg ins Tansanische Gombe-Stromgebiet am Tanganjika-See.
Es dauerte mehrere Wochen, bis die Schimpansen ihre Scheu verloren und Jane mit ihrer eigentlichen Arbeit beginnen konnte. Viele Erkenntnisse über Schimpansen sind heute auf Jane Goodalls Arbeiten zurückzuführen. Eine ihrer wichtigsten Entdeckungen war, dass Schimpansen zum Gebrauch von Werkzeugen fähig sind. Jane beobachtete David Greybeard, ein Schimpansen-Männchen, das sie aufgrund seines grauen Bartes so nannte. Es war der 4. November 1960, und Greybeard hockte vor einem Termitenhügel und steckte einen Grashalm in ein Loch des Termitenbaus. Beim Herausziehen erkannte die Engländerin viele kleine weiße Termiten am Halm, den der Affe dann in den Mund steckte, um seinen lebendigen Snack genüsslich zu verspeisen. Er wiederholte diese Tätigkeit mehrmals – er war mit seiner „Termitenangel“ erfolgreich. Doch Jane beobachtete noch mehr: Die beiden Schimpansen David und Goliath pflückten Zweige und befreiten sie dann von Blättern, bevor sie damit Termiten angelten. So fand Goodall heraus, dass Schimpansen nicht nur Werkzeuge nutzten, sondern diese auch selbst herstellten. Sie fand heraus, dass Schimpansen Steine als Hammer und Amboss verwenden, um Nussschalen zu sprengen. Sie rollen Blätter zusammen, um mit ihnen Wasser zu schöpfen. Sie können denken und vorausschauend planen, haben eigene Charaktere und spüren Gefühle wie Liebe, Hass und Trauer. Sie schließen sogar Freundschaften.
Leakey war begeistert, als Jane ihm von den Entdeckungen schrieb. Er antwortete: „Nun müssen wir neu bestimmen, was ein Mensch ist, oder wir müssen den Schimpansen als Menschen bezeichnen.“
Goodall war auch eine der ersten Forscherinnen, die den von ihr beobachteten Tieren anstelle von Nummern Namen gab – eine Praxis, die in der wissenschaftlichen Gemeinde auf Ablehnung stieß, weil angeblich die Objektivität verloren ging. Doch inzwischen sind viele Wissenschaftler Goodalls Beispiel gefolgt.
Obwohl Goodall nicht studiert hatte, durfte sie sich 1962 an der Universität Cambridge einschreiben und hielt 1965 ihren Doktortitel in Ethologie in den Händen. 1963 erschien ihr Artikel „Mein Leben unter den Schimpansen“ in der Zeitschrift National Geographic und machte die engagierte junge Forscherin weltbekannt. Und durch diese Bekanntheit konnte und kann Jane Goodall auch heute noch viel bewegen. Denn Goodall erfuhr durch ihre jahrelange Arbeit in Afrika, wie gefährdet die Menschenaffen sind. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in 25 afrikanischen Staaten noch etwa 2 Millionen Schimpansen. 1983 waren es nur noch 150.000. Heute schätzt man ihre Zahl auf 100.000, und sie sind vom Aussterben bedroht. Und ihre Zahl sinkt weiter, denn ihr Lebensraum wird immer weiter zerstört.
Doch Jane Goodall resignierte nicht, sondern wurde aktiv. Der Satz „Du kannst etwas verändern, jeden Tag und zu jeder Zeit“ wurde zu ihrem Leitspruch. So hielt sie unter anderem Vorträge über den Natur- und Artenschutz und über die in vielen afrikanischen Ländern immer noch übliche Jagd auf Schimpansen, Ihr Fleisch gilt als Delikatesse, und Jungtiere werden zu hohen Preisen auf Märkten als Haustiere verkauft. Doch Goodall hielt auch Vorträge über die Situation von Schimpansen in amerikanischen und europäischen Versuchs- und Forschungslabors und brachte ein Umdenken ins Rollen. Sie besuchte Zoos in Afrika und sammelte Spenden, um die Situation der dort in Gefangenschaft lebenden Schimpansen zu verbessern. Und sie sammelte Gelder, um in der Republik Kongo, in Tansania, Uganda und Kenia Schutzgebiete für Schimpansen einzurichten.
Um die Forschungsarbeit in Gombe zu sichern und außerdem Lebensraum und Bestand der Schimpansen zu schützen, gründete Jane Goodall 1977 das „Jane Goodall Institute for Wildlife Research, Education and Conservation“ mit Niederlassungen in 27 Ländern und Hunderten von Kinder- und Jugendgruppen weltweit. So gibt es Jane Goodall Institute auch in Österreich, Deutschland und der Schweiz.
Eine ganz besondere Initiative ist die von ihr ins Leben gerufene Initiative „Roots & Shoots“ (Wurzeln und Sprösslinge), für die 2002 die Verhaltensforscherin sogar zur UN-Friedensbotschafterin ernannt wurde. Die erste Roots- und-Shoots-Gruppe wurde 1991 gegründet. Heute gibt es mehr als 10.000 Gruppen in 120 verschiedenen Ländern, die sich für die Bereiche Umwelt, Tiere oder Menschen engagieren. Auch in Österreich gibt es Roots-und-Shoots-Projekte. Die aktivste Gruppe ist die Vienna International School, die von Aktionen am Weltfriedenstag, Projekten zur Mülltrennung bis hin zu karitativen Initiativen schon einiges realisiert hat. Aktuell hat das Jane Goodall Institut Austria im Rahmen der Kampagne „Die Zukunft der Welt „Unsere alten Handys stecken voller Leben“ gestartet. Alte Handys können am Mobile Collect, Kennwort: Jane Goodall, Postfach 3310, 1170 Wien (Postgebühr zahlt Empfänger) geschickt werden.
Als zweite Kampagne unterstützt das Jane Goodall Institute Austria im „Internationalen Jahr der Wälder“ ein Aufforstungsprojekt in Uganda. Ein Waldkorridor soll entstehen und isolierte Schimpansengruppen verbinden, um diese vor dem Aussterben zu bewahren. Es werden Baumpaten gesucht.

Infos unter www.janegoodall.at.

Weitere Infos: Katrin Hahnemann: Jane Goodall, Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, ISBN 978-3-8270-5408-1, 98 Seiten, Preis: 12,90 Euro

Foto Jane Goodall: Jane Goodall Institut

Fotos: Flechtner

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