• Ausstellung TXL steht im Mittelpunkt

  • Ehepaar Rasmus schreibt Bücher über “NaTouren”

Dreibeiniger Braunbär Michal aus polnischem Zoo befreit

Das erste Mal in seinem Leben Gras unter der Tatze

Sein Atem geht schnell und hektisch, als der Transportkäfig aus dem Lkw gehoben wird. Laut kratzt er am Metall, will nach zwölfstündiger Fahrt endlich raus aus dieser Box. Dann dauert es nur ein paar Sekunden und die Tür ist offen. Der Weg in ein neues Leben fern von Trostlosigkeit und Einsamkeit kann beginnen. Vorsichtig setzt die große Tatze auf feuchtem Boden auf, drückt das Gras platt, und die schwarze Nase streckt sich in den blauen Himmel.

Carsten Hertwig und Dr. Frank Göritz

Foto: Vier Pfoten

Vorsichtig erkundet das knapp 200 Kilogramm junge Bärenmännchen sein neues Zuhause, knabbert an einer Mohrrübe und einem Salatkopf und macht erste Schritte in sein neues bärengerechtes Leben.

Michal wurde 2003 im Zoo Braniewo geboren. Bereits als Jungbär wurde ihm sein rechtes Vorderbein bei einem Kampf mit einem anderen Bären abgetrennt. Diese Behinderung allein ist schon eine tägliche Herausforderung für ihn.

Der Bärenwald Müritz bei Stuer

Michals Mutter, mit der er zusammen in der Betongrube lebte, musste aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands eingeschläfert werden. Seitdem humpelte er allein im Kreis herum und suchte immer wieder oben an der Betonwand nach einem Ausweg, dieser Gefangenschaft zu entfliehen.

Vier Pfoten hat sich daraufhin entschieden, Michal in den Bärenwald zu überführen.

„Er wurde für den Transport vorbereitet und betäubt“, sagt Ioana Dungler, Director of Projects, die den Transport begleitete.

„Die zwölfstündige Fahrt hat er gut überstanden.“ Begleitet wurde der Bär auch von Frank Göritz, Leitender Tierarzt des Leibnitz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung.

Michal – noch in der Transportbox

Der Zoo Braniewo ist seit sechs Jahren ohne Lizenz, und auf Anordnung des Ministeriums soll er in einen Streichelzoo umgewandelt werden. Neben Michal leben dort noch vier weitere Bären. Auch sie will die Tierschutzorganisation so schnell wie möglich von ihrem Leid befreien.

Vier Pfoten hat den Bärenwald Müritz, das größte Bärenschutzzentrum Europas, im Jahr 2006 an der Südspitze des Plauer Sees bei Stuer eröffnet. Seitdem haben auf dem rund 15 Hektar großen Gelände zwölf Braunbären aus unwürdigen Haltungsbedingungen eine neue tiergerechte Haltung gefunden.

Michal ist der 13. Bär, der nun seine natürlichen Verhaltensweisen wiederentdecken und ausleben kann. Wie Michal haben auch die anderen zwölf Braunbären, die im Bärenwald Müritz leben, eine traurige Vorgeschichte: In Privathaltung oder als Zirkusbären lebten sie meist in viel zu kleinen Gehegen. Futter suchen, Höhlen graben, umherstreifen – all diese Verhaltensweisen konnten sie nie ausleben.

Braunbären haben in der heutigen süd- und westeuropäischen Landschaft kaum noch Platz zum Überleben in der freien Natur. Obwohl sie keine natürlichen Feinde haben, wurden sie im 18. und 19. Jahrhundert stark durch die Jagd und später durch die Zerstörung ihrer Lebensräume extrem dezimiert. In Deutschland gilt der Braunbär seit 1835 als ausgerottet.

In Österreich und der Schweiz traf ihn das gleiche Schicksal. Doch seit 1970 gibt es erfolgreiche Versuche, Braunbären wieder in Österreich anzusiedeln. Mittlerweile soll es wieder etwa 25 freilebende Tiere geben. Weltweit liegt der Bestand bei etwa 180 000 Tieren. Die meisten davon leben in Alaska, Kanada und Russland.

Bären in Gefangenschaft können nicht mehr ausgewildert werden; sie sind zu abhängig vom Menschen und würden in freier Wildbahn nicht überleben. Und durch schlechte Haltungsbedingungen sind viele der Tiere schwer verhaltensgestört.

Das Team von Vier Pfoten hebt die Transportbox samt Bär aus dem Lkw

Der Bärenwald Müritz bietet eben solchen Tieren eine gute Alternative. Größe und Struktur der Bärenschutzzentren von Vier Pfoten bieten den Tieren einen idealen Raum für ihre Bedürfnisse: Sie können ihren Bewegungsdrang ausleben, sich zurückziehen, Höhlen graben und Winterruhe halten. Teiche erlauben ausgiebige Bäder und Fellpflege, denn Bären lieben Wasser. Und zusätzlich schaffen die Tierpfleger viele Anreize für natürliches Verhalten.

Ein Grundsatz aller Vier Pfoten-Bärenprojekte ist es, dass die Bären hier nicht zur Schau gestellt werden. Der Kontakt zum Menschen wird auf ein notwendiges Minimum reduziert, damit der Braunbär die Möglichkeit hat, sich seinen eigenen Tagesablauf zu schaffen. Besucher erhalten einen Einblick in das Leben des Bären – doch nur der Bär bestimmt, ob er sich sehen lässt. Er kann sich jederzeit zurückziehen.

Michal verbleibt nun einige Zeit im Quarantänegehege, bevor er in ein anderes Gehege mit Teich oder Flusslauf und Waldgebiet umzieht.

„Es ist nicht absehbar, wie stark Michal in einer natürlichen Umgebung durch sein fehlendes Bein beeinträchtigt sein wird“, sagt Carsten Hertwig, Geschäftsführer des Bärenwald Müritz.

60 Quadratmeter kleine Betongrube mit Bär

„Die Nahrungssuche im Wald, das Baden im Teich oder auch das Zusammentreffen mit Artgenossen könnten durchaus eine große Herausforderung für ihn darstellen“, sagt er weiter und fügt hizu: „Aber wir werden seinen Zustand intensiv beobachten; im Bärenwald Müritz wird Michal die Betreuung erhalten, die er braucht.“

Der Bärenpark Müritz ist von April bis Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr und von November bis März täglich von 10 bis 16 Uhr geöffnet.

Der Eintritt im Sommer beträgt 6 Euro für Erwachsene, ermäßigt 5 Euro, 3.50 Euro für Kinder bis 14 Jahre. Familienticket (2 Erwachsene, 1 Kind): 13 Euro, jedes weitere Kind: 2.50 Euro. Der Eintritt im Winter beträgt 3 Euro für Erwachsene, 1 Euro für Kinder.

Neben der Wanderung durch den Mischwald informieren Spiel- und Ausstellungsstationen rund um das Thema „Bär“, ein Abenteuer-Waldspielplatz lädt zum Toben ein, und das Bio-Bistro bietet eine große Auswahl an vegetarischen Speisen. Im Bären-Shop finden Besucher kleine und große Andenken an den Besuch im Bärenwald.

Michal erkundet sein neues Zuhause

Bärenexperten informieren bei einer Führung über die Lebensweise und das Verhalten der Bären. Öffentliche Führungen finden jeden Sonnabend um 11.30 Uhr statt. Gruppenführungen nur nach Voranmeldung (bis 25 Personen 20 Euro für 1,5 Stunden, 30 Euro für 2 Stunden durch den ganzen Park).

Weitere Informationen gibt es unter www.baerenwald-mueritz.de und unter www.vier-pfoten.de.

Adresse: Bärenwald Müritz gGmbH, Am Bärenwald 1, 17209 Stuer

Entfernung von Berlin: rund 140 Kilometer, über die A24 bis Wittstock, dann auf der A19 in Richtung Rostock, Autobahnausfahrt Röbel, Weiter auf der B 198 in Richtung Plau am See.

Fotos: Flechtner

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Fügen Sie den Nord-Berliner Ihren sozialen Netzwerken oder Ihrer Feed-Liste hinzu und verpassen Sie keine Meldungen mehr!

No comments yet.

Hinterlasse eine Antwort