60000 Götterboten durchqueren im Herbst unseren Himmel
LINUM/OSTPRIGNITZ-RUPPIN. Es wird kühl und die Sonne verschwindet im Zeitlupentempo hinter der Kirche. Nebel legt sich über die Wiesen und Felder und deckt sie mit der klammen undurchsichtigen Decke zu. Der Mond steht fast rund majestätisch am klaren Himmel. Noch Kilometer entfernt, und dennoch sind sie bereits zu hören. Die kalte Luft ist voll von ihren Schreien. Und dann sind die schwarzen Silhouetten in der Dämmerung zu sehen. Am tiefblauen Himmel in der Dämmerung fliegen sie in V-Formation über die Straßen und Häuser hinweg, hin zu ihrem Schlafplätzen. Heute sind es rund 45000 von ihnen, die durch den Himmel am Mond vorbei schweben, um sich an den Linumer Teichen zu versammeln und dort – mit den Füßen im flachen Wasser – gemeinsam schlafen.
Der kleine Ort Linum mit seinen geschützten Teichen und Naturlandschaften, der vielen als Storchendorf bekannt ist, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der größten Kranichschlafplätze in Europa entwickelt. Sie machen hier auf ihrem Flug von Schweden in den Süden jedes Jahr im Frühling und im Herbst Halt. Es gibt genug Nahrung, um die Fettreserven wieder aufzufüllen, und geschützte Gebiete für die Nacht. So fliegen die bis zu 7 Kilogramm schweren Vögel, die eine Flügelspannweite von rund 2,20 Meter haben, auch jetzt wieder zu Tausenden in und rund um Linum ein. 2008 war die Zahl der rastenden Kraniche besonders hoch: An einem Tag wurden 79980 Kraniche gezählt.
Vom Boden aus wird dieses Schauspiel derzeit von vielen Naturliebhabern beobachtet. Allerdings macht es der Kranich den Beobachtern alles andere als leicht – gilt er doch nicht umsonst als Symbol der Wachsamkeit und der Vorsicht. Mit einer Fluchtdistanz von 300 Metern brauchen die Beobachter sehr gute Augen oder ein gutes Fernglas. Und als Fotomotiv ist der scheue Vogel auch nicht geeignet, wenn der Fotograf nicht über ein sündhaft teures lichtstarkes Zoom-Objektiv verfügt. Denn dann ist das Ergebnis eher ein Suchfoto, das den Betrachtern mit den Worten beschrieben wird: „Da hinten, diese hellen schemenhaften Flecken – das sind sie, glaube ich.“ Und dennoch ist das Schauspiel ein ganz Besonderes, das sich auch ohne teure Kamera lohnt. Die Geräuschkulisse der kreischenden Kraniche, das „Klülü“ der Blessgänse, das „Kajak“ der Saatgänse und das „Ang-Ang“ der Graugänse erschallt aus allen Richtungen, und Tausende zu den Linumer Feldern und Teichen fliegenden Vögeln am Himmel sind ein Naturschauspiel, das Gänsehaut erzeugt. Sie zu beobachten, zaubert den Naturfreunden ein Lächeln ins Gesicht. Und vielleicht ist ein wenig spürbar, dass der Kranich nicht zufällig als „Vogel des Glücks“ gilt und in der Dichtung symbolisch für etwas „Erhabenes“ verwendet wird.
Dabei kann man die fliegenden Gänse gut von den Kranichen unterscheiden, denn während Gänse ihre Füße und Beine wie das Fahrwerk eines Flugzeugs unter dem Körper „einfahren“, fliegen Kraniche mit gestreckten Beinen – es sei denn, es wird ihnen zu kalt an den Füßen.
„Es sind wirklich faszinierende Tiere die im Schnitt 70 Stundenkilometer schnell fliegen, aber ihr Tempo auf kurze Distanzen sogar bis auf 130 Km/h erhöhen können“, erklärt Marion Szindlowski, die als ehrenamtliche Mitarbeiterin des NABU die Führungen für die Besucher zum abendlichen Kranicheinflug durchführt. Sie erzählt auch, dass die Schreitvögel, deren Markenzeichen die schwarz-weiße Kopf- und Halszeichnung und die federlose rote Kopfplatte sind, zwischen drei Tagen und drei Wochen hier verweilen. „Das hängt davon ab, wie gut sie sich hier ausruhen können und wie viel Nahrung sie finden, um für den Weiterflug nach Frankreich und Spanien fit zu sein“, fügt die Kranichexpertin hinzu. 300 Gramm Futter braucht ein Kranich pro Tag. Das findet er hier auf den abgeernteten Äckern in Form von Mais. So suchen die Tiere tagsüber in der Umgebung nach Futter und begeben sich zur Dämmerung wieder an ihren schon bewährten Schlafplatz. Hier hat der Mensch durch den Torfabstich in der Vergangenheit eine Grundstruktur für eine einzigartige Naturlandschaft geschaffen, die besonders für Kraniche, die im flachen Wasser schlafen, perfekt ist. „Der Torf wurde dann zu Heizzwecken nach Berlin gebracht“, sagt Szindlowski und fügt hinzu: „Von Vorteil ist, dass fast alle Teiche miteinander verbunden sind. So lässt sich der Wasserstand gut regulieren.“
Wer Nahaufnahmen der Kraniche sehen möchte, sollte sich den Vortrag von Dieter Damschen nicht entgehen lassen. Der Fotograf ist seit rund zehn Jahren „mit den Kranichen unterwegs“ und auf „fotografischer Reise quer durch Europa“. Und so ist auch der Titel seines Vortrags. Dabei präsentiert er den Zyklus eines Jahres und präsentiert beeindruckende Bilder vom „Sommerquartier“ der großen Vögel in Schweden über Fotos aus Deutschland von den Schlafplätzen in den Linumer Teichen, an denen bei 60.000 bis 80.000 rastenden Vögeln nach Damschen „auch nachts eine Geräuschkulisse wie im Fußballstadion herrscht“, bis zu Bildern im „Winterdomizil“ in Spanien. In Spanien wie auch in Schweden gibt es kleine Hütten, die an Klohäuschen erinnern und von Fotografen und Vogelkundlern gemietet werden können. „Vor Sonnenaufgang müssen die Fotografen dann ihre Hütte beziehen und dürfen sie vor Sonnenuntergang nicht mehr verlassen. „16 Stunden in einer kleinen 1 mal 2 Meter großen zum Stehen zu niedrigen Hütte, für die man 60 Euro Miete zahlt, um endlich mal nah an den Kranichen zu sein – das klingt für viele schon sehr verrückt“, sagt der Fotograf. Doch ohne diesen Aufwand gäbe es die faszinierenden Bilder nicht, die er an den Wochenenden präsentiert.
Der Naturschutzbund bietet im Herbst spezielle Führungen zum abendlichen Kranicheinflug an, die an der Storchenschmiede Linum beginnen. Die Storchenschmiede ist in der „Kranich-Zeit“ in eine Kranich-Info-Ausstellung verwandelt. Dort erfahren die Besucher viele interessante Details über die „Vögel des Glücks“. Die nächsten Führungen finden am morgigen Freitag, Sonnabend und Sonntag (11., 12. Und 13. November) statt. Start ist um 15 Uhr an der Storchenschmiede Linum. Verschiedene Touren mit Strecken von 2 bis 7 Kilometer Länge werden angeboten. Eine telefonische Voranmeldung ist notwendig, da die Plätze begrenzt sind. Preis: 6 Euro, NABU-Mitglieder und Kinder bis 12 Jahre zahlen 4 Euro. Am Sonnabend und Sonntag kann man jeweils um 13 Uhr zum Vortrag von Dieter Damschen kommen.









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