Notunterkünfte sollen Obdachlose nachts vor klirrender Kälte schützen
Ein Torbogen. Darüber: Die S-Bahn. Darunter: Ein „Wohnzimmer“. Zwei Matratzen liegen auf dem eiskalten Boden, volle Tüten stapeln sich neben vollen Mülltüten. Die wenigen persönlichen Habseligkeiten stopfen die beiden Bewohner langsam in die Taschen ihrer dicken Jacken. Dann verlassen sie den Platz. Was sie wohl für den Rest des Tages machen?
„Ihn irgendwie rumkriegen“, sagt Robert Veltmann, Geschäftsführer der GEBEWO – Soziale Dienste – Berlin. Irgendwie rumkriegen heißt, Passanten um ein wenig Kleingeld bitten, Essen und vielleicht Zigaretten schnorren und vor allem der Kälte entkommen. Dabei steht der Winter erst noch vor der Tür.
Etwa 10.000 Wohnungslose gibt es derzeit in Berlin. Menschen, die kein gesichertes Mietverhältnis haben, aber immerhin irgendwo untergebracht sind, gelten als wohnungslos. Die 500 bis 600 Obdachlosen in Berlin haben nicht einmal mehr das. Ihnen ist oft nur die Kleidung geblieben, die sie am Leibe tragen.
Vielleicht noch eine Tasche. Ein Dach über dem Kopf? Ein eigenes Bett?
Fehlanzeige. „Das sind Menschen, die abends nicht wissen, wo sie die Nacht verbringen. Und die jetzt von der Kältenot betroffen sind“, sagt Robert Veltmann. Wenn sie Glück haben, finden sie noch einen Schlafplatz in den U-Bahnhöfen. 600 Obdachlose. „Für Berlin ist das eine sehr hohe Zahl“, sagt Veltmann.
Arbeitslosigkeit, Schulden, soziale Isolation, Krankheit, Sucht und Verwahrlosung prägen den Alltag obdachloser Menschen.
Um zu helfen und neue Perspektiven zu zeigen, wurde 1994 die GEBEWO – Soziale Dienste von Sozialarbeitern gegründet. Seit 1. November stellt die gemeinnützige GmbH wieder über 400 Notunterkunftsplätze im Netzwerk der „Berliner Kältehilfe“ für obdachlose Menschen bereit.
Mit insgesamt über 59.000 Übernachtungen war das Platzangebot bereits im letzten Winter mehr als ausgeschöpft.
Und die Zahl der Menschen ohne eigene Wohnung ist in den letzten drei Jahren gestiegen. Verantwortlich sieht Veltmann vor allem den Berliner Wohnungsmarkt. Der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum wird immer enger, dafür steigen die Mieten, die von den Betroffenen nicht mehr gezahlt werden können. Doch auch die Politik sieht er in der Pflicht: „Sie ist für die Rahmenbedingungen zuständig.“
Die meisten verlassen ihre Wohnungen nicht freiwillig, und Vermieter suchen natürlich gerne Mieter mit ‚sauberer Biografie‘. Der Weg in die Obdachlosigkeit ist traurig, ein Strudel, in den man gerät und an dessen Ende die prekärste Form von Armut. Weil sich die Betroffenen schämen, um Hilfe zu bitten.
„Am Anfang steht meistens die Arbeitslosigkeit, dann häufen sich die Schulden, irgendwann ist die Wohnung weg. Freunde wenden sich ab, der Kontakt zur Familie bricht ab. Das macht auch psychisch krank, depressiv und in manchen Fällen abhängig von Alkohol oder anderen Drogen. Schließlich resigniert der Mensch.“
Robert Veltmann kennt den immer gleichen Vorgang. Und er kennt alle Facetten persönlich. Mit sozialer Arbeit direkt vor Ort, in Notunterkünften und Obdachlosenheimen, hat er bereits während seines Studiums gelernt, dass es gut ist zu wissen, wem man hilft und wie die Situation eines jeden Betroffenen in der Realität aussieht.
Insgesamt 400 Übernachtungsplätze für Obdachlose stellt die GEBEWO in Berlin. Davon sind seit Januar dieses Jahres 65 Plätze in Notunterkünften in Kreuzberg und Wedding (Nazarethkirchstraße 50 am Leopoldplatz), die mit Hilfe von Spendengeldern angeboten werden können.
Weitere befinden sich unter anderem in Pankow, Charlottenburg, Mitte und ganz neu in Neukölln.
Doch der gestiegene Bedarf stellt auch für die Helfer ein Problem dar, denn um eine Übernachtung, heiße Getränke und Essen garantieren zu können werden dringend weitere Spenden benötigt, um das Angebot über den Winter erhalten zu können. Mitunter ist es sogar für die GEBEWO nicht einfach, Trägerwohnungen anzumieten.
„Viele Vermieter haben ein Bild von Obdachlosen im Kopf: Sie sehen schlimm aus, sind keine integren Charaktere. Aber das ist menschlich. Wer Wohnraum zur Verfügung stellt, möchte keinen Ärger, dass die Miete pünktlich bezahlt und die Wohnung pfleglich behandelt wird“, sagt Veltmann.
Bei der GEBEWO setzt die Hilfe schon weitaus früher ein. Mietschuldner werden beraten, Notunterkünfte für die Nacht sowie Aufenthaltsmöglichkeiten in Tagesstätten bereit gestellt, sozialrechtliche Ansprüche erklärt. Für die Unterbringung in Übergangswohnheimen übernimmt das Sozialamt die Kosten.
„Wir beherben nicht nur, unsere Sozialarbeiter beraten auch. Dazu stehen wir mit den Sozialämtern, Jobcentern, der Senatsverwaltung, anderen Trägern der Wohlfahrtspflege, Wohnungsbaugesellschaften und Krankenhäusern in engem Kontakt.“
Die Zusammenarbeit mit dem Land Berlin beschreibt Robert Veltmann als sehr positiv. Als im strengen letzten Winter die Kälteplätze nicht ausgereicht haben, kam ungewohnt schnell ein Treffen der Mitarbeiter der Hilfsorganisationen mit Vertretern der Senatsverwaltung und Kollegen des Roten Kreuzes zustande, um vorübergehend die Platzzahlen für Notübernachtungen aufzustocken.
Alles in allem kostet ein Übernachtungsplatz je nach Größe zwischen 15 und 20 Euro, darin enthalten sind die Kosten für die Räume, die Bezahlung der Mitarbeiter, Lebensmittel und Hygieneartikel. Und die Stimmung? „Die ist ganz unterschiedlich. Viele Obdachlose unterstützen sich gegenseitig, andere wiederum sind Einzelgänger.
Man mag sich oder nicht. Und natürlich gibt es auch hier untereinander Konkurrenz.“ Schwierig wird es vor allem dann, wenn Alkoholkonsumenten Unruhe in die Gruppendynamik bringen, aufbrausend werden und rummotzen. „Man muss sich jedes Mal auf alles einstellen.“
Zunehmend gehören auch Menschen vor allem aus Osteuropa zur Klientel nicht nur der GEBEWO. Sie wollen dem kargen Leben in ihrem Heimatland entkommen, kommen nach Deutschland und sind wild entschlossen, hier zu bleiben. Allerdings haben sie keinerlei Ansprüche, somit auch kein Geld, dazu kommen Sprachschwierigkeiten.
„Die leben wirklich auf der Straße“, sagt Veltmann. „Das sind Leute, die von Abfällen leben, die betteln gehen und darauf warten, dass Kinder nach der Schule ihre Butterstullen in den Mülleimer werfen. Aber die EU ist offen und die Menschen haben die Möglichkeit, zu gehen, wohin sie wollen, ungeachtet aller Konsequenzen.“
Wer keinen Schlafplatz in einer Nachtunterkunft findet oder bewusst darauf verzichtet, dem bleibt nur die freie Natur oder die im Winter nachts geöffneten U-Bahnhöfe. Doch auch diese seit Jahren gängige Praxis gerät zunehmend ins Kreuzfeuer der Politik, denn es fehlen Sanitäranlagen, außerdem bestehe die Gefahr eines Überfalls oder eines Sturzes auf die Gleise. Weshalb etwa das Bezirksamt Mitte bevorzugt die Stadtmission mit der Finanzierung von Schlafplätzen sowie einem Spätcafé in Tiergarten und Eva’s Haltestelle unterstützt.
So können Sie helfen:
Wer kein Geld geben möchte, kann den Betroffenen etwas zum Essen kaufen. Auch ein heißer Kaffee wird sehr gerne genommen. Wer nachts einen Menschen in Not sieht, verständigt am besten den Kältebus der Berliner Stadtmission unter Telefon 0178 / 52 35 838, der bis 31. März täglich von 21 bis 3 Uhr unterwegs ist, um obdachlose Menschen ohne Unterkunft kostenlos in entsprechende Notunterkünfte zu bringen.
Oder den DRK Wärmebus, der bis 28. Februar täglich von 18 bis 24 Uhr stadtweit unterwegs ist, ebenfalls Hilfebedürftige in Notunterkünfte fährt, Kleidung oder einen Schlafsack ausgibt und heiße Getränke anbietet.
Telefon: 0170 / 9100042. Wer keine der beiden Telefonnummer griffbereit hat, wählt einfach die 110, denn auch die Polizei hilft umgehend und informiert die zuständigen Einrichtungen.
Wer etwas spenden oder ehrenamtlich für die Kältehilfe Berlin tätig sein möchte, findet unter www.gebewo.de weitere Informationen.





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